Wie erkläre ich das Flüchtlingsdrama meinem Kind?

Wie erkläre ich das Flüchtlingsdrama meinem Kind?

In allen Medien tauchen Sie auf: die Bilder von weinenden Kindern, von Familien, welche mit wenigen Habseligkeiten über Bahnschwellen stolpern, regennasse Babys, die provisorisch in Decken gewickelt sind. Niemand kann sich diesen Bildern entziehen. Und auch Ihre Kinder bekommen sie irgendwann zu Gesicht.

Deshalb haben wir uns mit Kinderpsychologin Mag. Theresia Herbst zusammengesetzt und uns bemüht die Fragen vieler Eltern zu beantworten.
Wie soll man damit umgehen?
Was darf man den Kindern erzählen?
Wie soll man auf die Fragen der Kinder eingehen?
Wie erklärt man den Kindern diese Bilder, die man selber kaum fassen kann?

Lassen Sie Ihr Kind nicht allein mit seinen Eindrücken, Fragen und Ängsten!

Nachfragen

Viele Eltern fragen sich, ob sie mit ihrem Nachwuchs die Flüchtlingsproblematik besprechen sollen. Grundsätzlich gilt: Wenn ein Kind danach fragt, ist es reif für die Antwort.

Nehmen Sie sich Zeit, wenn Ihr Kind mit Fragen zu Ihnen kommt oder Alpträume hat. Finden Sie heraus, was das Kind eigentlich genau wissen will oder braucht, z.B. mehr Nähe zu den Eltern bei Alpträumen. Vor allem die Kleineren haben Angst, dass das Gesehene auch ihnen passieren könnte. Beobachten Sie deren Gefühle, sprechen Sie diese an und trösten Sie.

Dazu meint Kinderpsychologin Mag. Theresia Herbst: „Wenn man sicher ist, dass das Kind erschreckende Bilder gesehen hat, offen nachfragen, ob es ein Redebedürfnis gibt: „Hast du diese und jene Bilder gesehen? Möchtest du darüber sprechen?“ Sollte das Kind verneinen, Sie aber vermuten, dass die Bilder im Kind arbeiten, versuchen Sie es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal. Manche Kinder können und wollen nicht gleich reden oder brauchen eine andere Ausdrucksmöglichkeit, z.B. Zeichnen, Figurenspiel“. „

Falls das Kind ausgerechnet zu einem ganz ungünstigen Zeitpunkt fragt und Sie Ihre Tätigkeit nicht unterbrechen können, verschieben Sie das Gespräch in Absprache mit dem Kind auf einen späteren Zeitpunkt. Halten Sie diesen aber verlässlich ein: „Das ist eine sehr wichtige Frage von Dir. Ich möchte Dir antworten. Jetzt muss ich aber gerade an der Kassa zahlen/noch einkaufen gehen/ tanken, aber zu Hause setzen wir uns hin und reden darüber.“

Ängste abbauen

Das Gespräch soll bei den Kindern keine massiven Ängste und Ohnmachtsgefühle auslösen, sondern Orientierung geben. Vermitteln Sie Sicherheit und zeigen Sie dem Kind die eigenen Handlungsmöglichkeiten.
Achten Sie dabei auf den Entwicklungsstand und die Verarbeitungsfähigkeiten Ihres Kindes und antworten Sie in altersgerechter Form: von „sehr einfach und konkret“ für Kindergartenkinder und Volksschulkinder bis „differenziert und komplex“ für Jugendliche.

Authentisch bleiben

Seinem Kind etwas zu erklären, gelingt Erwachsenen, die das Thema Krieg und Flucht bewusst verarbeitet und sich eine Meinung gebildet haben. Beschreiben Sie Ihre Gefühle und antworten Sie authentisch: „Auch ich bin ganz traurig darüber und denke fest nach, wie wir diesen Menschen helfen könnten.“
Geben Sie den Kindern das Gefühl, dass diesen Menschen auch bereits geholfen wird.

Bleiben Sie authentisch und geben Sie Ihre eigenen Grenzen ehrlich zu. Vermitteln Sie jedoch dem Kind Sicherheit und Schutz: „Ich bin traurig und betroffen – aber stark und trotzdem ganz Mama/Papa für dich.“
Wenn die Ereignisse bei Ihnen aber selbst eine massive Trauerreaktion, eine Depression oder eine andere seelische Belastung auslösen, sollten Sie unbedingt professionelle Hilfe holen, um für das eigene Kind wieder „emotional verfügbar“ zu sein! Wer selbstsicher und emotional stabil ist, kann auch seinem Kind Halt vermitteln.

Die Flüchlingssituation dem jeweiligen Alter anpassen

Erklärung der Situation für Klein- und Volkschulkinder

Wenn die Kleinkinder mit Fragen zu Ihnen kommen, beantworten Sie nur die gestellten Fragen und schweifen Sie nicht ab. Erkunden Sie, was Ihr Sprössling bereits gesehen hat, was er schon darüber weiß und was er eigentlich genau wissen will. Sollte der Nachwuchs immer weiter fragen, geben Sie geduldig die gewünschten Antworten.

Hier gibt die Kinderpsychologin Mag. Herbst folgenden Rat: „Bei Kindern bis ins Volksschulalter hinein reichen grobe Informationen: „Viele, viele Menschen sind auf der Flucht. Der Krieg macht ihre Häuser kaputt, die Menschen suchen Schutz und haben Hunger. Die meisten Flüchtlinge sind ganz erschöpft und traurig, aber bei uns wird es ihnen ein bisschen besser gehen. Vielleicht finden sie ein neues Zuhause bei uns oder in einem anderen Land oder können später wieder in ihre Heimat zurück.“

Versuchen Sie dennoch je nach Sensibilität die Bilder und Nachrichtenmeldungen von Ihren Nachwuchs möglichst fernzuhalten. „Diese Nachrichten sind nicht auf den Entwicklungsstand der Kinder abgestimmt, sondern überfordern diese.“

Erklärung der Flüchtlingssituation bei älteren Kindern

Kinder ab 10 Jahren beginnen zunehmend abstrakt-logisch zu denken und nach größeren Zusammenhängen zu fragen. Jugendliche (12 bis 18 Jahren) bekommen meist einen Großteil des Geschehens mit und daraus ergeben sich eine Menge Fragen. Sprechen Sie mit ihnen über deren Impressionen und den gehörten Berichten.

Teenager verfügen durch die sozialen Medien meist über einen größeren Wissensstand als es die Eltern für möglich halten. Sie holen sich Ihre Informationen eigenständig aus den verschiedensten Quellen. Aber selbst dann ist es wichtig, mit ihnen über ihre Gefühle und Gedanken zu diskutieren. Dabei kann ruhig auch ins Detail gegangen oder gemeinsam recherchiert werden.

Gemeinsam helfen

Kinder wollen gerne etwas tun. Überlegen Sie gemeinsam mit Ihrem Nachwuchs wie Sie als Familie den Flüchtlingen in Österreich helfen können. Schauen Sie gemeinsam mit Ihrem Liebling, ob er vielleicht Spielsachen oder Kleidung besitzt, welche er den Flüchtlingskindern schenken möchte. Wählen Sie nur Gegenstände, die noch schön und funktionstüchtig sind. So eine Handlung kann das Kind mit Stolz erfüllen: „ Auch ich habe meinen kleinen Beitrag geleistet, damit es diesen Menschen besser geht!“ Zwingen Sie Ihr Kind nicht dazu, sondern ermutigen und loben Sie es und gehen sie selbst mit gutem Beispiel voran.

Bei der Bereitschaft zu helfen, setzen Sie sich jedoch zuvor mit einer der großen Hilfsorganisationen in Verbindung und fragen nach, in welcher Form Hilfe benötigt wird. An vielen Stellen gehen die Helfer in Kleidern unter, während andere Dinge, die akut gebraucht werden, fehlen (auf der Plattform www.helfenwiewir.at sind die NGOs vertreten, die beteiligt sind).

Kinder und Jugendliche sollten jedoch aus verschiedenen Gründen nicht zu Flüchtlingsunterkünften mitgenommen werden, denn leider besteht das Risiko, dass mit den Flüchtlingsströmen auch Krankheiten eingeschleppt werden. Bei jedem Kontakt mit Flüchtlingen sollte auf die Einhaltung angebrachter Hygienemaßnahmen geachtet werden (Händedesinfektion).

Das große Flüchtlingsaufkommen wird uns alle auch in nächster Zeit sehr beschäftigen und es wird in den Familien immer wieder zu Gesprächen über dieses Thema kommen. Nehmen Sie diese Herausforderung an.

Wir danken Frau Mag. Theresia Herbst, Kinderpsychologin, www.kinderpsychologin.at vielmals für die fachliche und informative Zusammenarbeit!

Verwendetes Foto: Flüchtlingskind – © Österreichischer Rundfunk, Stiftung öffentlichen Rechts – helfenwiewir.at

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